KARO e. V. mit dem Swiss Life Förderpreis 2021 ausgezeichnet

„Wir verleihen denen eine Stimme, die keine haben“

„Es war wunderschön, ich habe es so sehr genossen! Nach den langen Jahren auf der Straße, hatte ich auf einmal ein eigenes Bad, ein Zimmer und ich konnte duschen. Ich war sauber“, erklärt Alexandra* und strahlt bei der Erinnerung an ihre erste Zeit im Schutzhaus von KARO e. V. Die 43-jährige hatte zuvor ein jahrelanges Martyrium erlebt. Die gebürtige Tschechin war mit 14 Jahren durch falsche Freunde in die Prostitution gerutscht, wurde drogenabhängig und geriet an einen gewalttätigen Partner. Doch sie hat einen Weg gefunden, mit diesen Erfahrungen umzugehen und kann heute offen über das, was ihr widerfahren ist, sprechen. Sie ist überzeugt: „Ohne KARO wäre ich nicht mehr hier.“

Individueller Hilfeplan für Betroffene

Mit dem Projekt „Zurück ins Leben“ hat sich KARO e. V. beim Swiss Life Förderpreis 2021 beworben und 20.000 Euro für seine weiterführende Arbeit gewonnen. Das Projekt hilft Betroffenen auf dem Weg in ein Leben ohne Gewalt. Das ist im ersten Schritt, die Aufnahme im Schutzhaus und im zweiten Schritt, die Erstellung eines individuellen Hilfeplans, um die Frauen und Kinder wieder in ein geregeltes Leben zu integrieren und sie beim Berufseinstieg zu begleiten. Mit dem Fördergeld kann eine weitere Sozialarbeiterin eingestellt werden, die ganzheitlich unterstützt.

Startkapital hat Alice Schwarzer bei „Wer wird Millionär?“ gewonnen

KARO ist ein Verein aus dem sächsischen Plauen, der sich seit 1994 gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution und die sexuelle Ausbeutung von Kindern einsetzt. Ziel des Vereins ist es, Kindern, Jugendlichen und Frauen, die physische, psychische oder sexualisierte Gewalt erfahren haben, Schutz und Hilfe anzubieten. Gründerin und geschäftsführende Vorständin ist Cathrin Schauer-Kelpin. Die gebürtige Plauenerin hat bis heute nichts von ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft verloren. „Wenn man sieht, dass in einer hoch technisierten Welt auf der anderen Seite Menschen versklavt werden und das im Prinzip fast niemand wahrnimmt, dann muss man einfach aktiv werden.“ Seit 27 Jahren ist sie in dem Bereich aktiv und hat mehr als 1.000 Frauen und Kinder aus dem „Milieu“ geholt. „Meine Motivation kommt aus der Arbeit mit unseren Hilfesuchenden. Wenn wir ihnen nicht helfen, kümmert sich niemand um diese Frauen und Kinder“, weiß Schauer-Kelpin.  

Ein Kilo Müsli pro Tag in der Anfangszeit

Eine Betroffene, der nachhaltig geholfen werden konnte, ist Alexandra*. Über zwölf Jahre lang hat sie als Prostituierte gearbeitet, wurde drogenabhängig und obdachlos. Bei KARO e. V. hat sie einen kalten Entzug gemacht, gelernt ihre Tage zu strukturieren und schließlich eine eigene Wohnung bezogen. Auch beruflich konnte sie als Altenpflegerin Fuß fassen. „Man kann sein Leben wieder in den Griff kriegen. Das geht nicht sofort, es dauert. Aber hier hat man alle Zeit der Welt“, so die Tschechin. Eine Sache ist ihr immer noch in Erinnerung: „Ich habe das Essen am Anfang im Schutzhaus so genossen. Ein Kilo Müsli habe ich pro Tag gegessen, es war herrlich“, erinnert sich Alexandra*. Bedingt durch ihre jahrelange Drogensucht ist sie körperlich angeschlagen und mehrere Schlaganfälle führten dazu, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben kann. Trotz dieses weiteren Schicksalsschlags hat sie ihren Lebensmut nie verloren. „KARO verleiht denen eine Stimme, die keine Stimme haben und die hatte ich selbst lange auch nicht. Jetzt habe ich sie wieder“, sagt sie.

Narben auf der Seele bleiben für immer

Gleichzeitig weiß die ehemalige Prostituierte aber auch, dass die Narben auf ihrer Seele für immer bleiben werden. „Es ist nicht so, dass alles in Ordnung ist bei den Frauen und Kindern, sobald wir sie aus akuter Gefahr für Leib und Leben gerettet haben. Wir können ihnen helfen, aber diese extremen Traumatisierungen werden sie ein Leben lang begleiten“, so Schauer-Kelpin. Der Menschenhandel habe mittlerweile den Drogen- und Waffenhandel weltweit in seiner Quantität übertroffen. Unter diesen Umständen sei es praktisch unmöglich, das Problem bei der Wurzel zu packen, verdeutlicht die Geschäftsführerin. „Unsere Arbeit löst das Problem nicht. Aber wir unterstützen Frauen und Kinder, damit diese nach ihren unglaublichen Erfahrungen wieder ein selbstbestimmteres Leben führen können. Und das lohnt sich für jeden Einzelnen.“